DDR – .computerisierung https://www.computerisierung.com Mon, 23 Aug 2021 12:13:15 +0000 de hourly 1 https://wordpress.org/?v=7.0 „In the GDR, it was not well seen to play RAMBO“ https://www.computerisierung.com/?p=1298 https://www.computerisierung.com/?p=1298#respond Mon, 23 Aug 2021 12:13:14 +0000 https://www.computerisierung.com/?p=1298 Computerspiele in der DDR waren immer politisch. Von der Stasi kritisch beäugt boten sie den Jugendlichen eine Flucht aus dem grauen Alltag und eine spielerische Form sozialen Austauschs. Für den Staat boten sie hingegen die Möglichkeit, die Jugendlichen für die Hochtechnologie zu begeistern und somit zur Zukunft des Sozialismus im Digitalen beizutragen.  Als Medien der Alltagskultur erlauben Computerspiele HistorikerInnen einen Einblick in die Vergangenheit des sozialistischen Staates. Martin Schmitt sprach darüber im französischen Spartenkanal gTV. Neben zahlreichen Zeitzeugen und bisher unveröffentlichten Originalaufnahmen aus der Zeit ordnet er die Geschichte der Computerspiele in die breitere Geschichte des Spätsozialismus in der DDR ein. Einfach auf PLAY drücken!

Text: Martin Schmitt
Bild: gTV

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[Neue Forschungsprojekte] Bildung und Computer in der DDR https://www.computerisierung.com/?p=1277 https://www.computerisierung.com/?p=1277#respond Mon, 28 Jun 2021 09:58:04 +0000 https://www.computerisierung.com/?p=1277 Digitalgeschichte ist derzeit eines der dynamischsten Themenfelder der internationalen Technikgeschichte. Immer wieder entstehen neue, interessante Forschungsprojekte in diesem Bereich. In loser Reihenfolge wollen wir an dieser Stelle in der Kategorie „Neue Forschung“ auf neue Projekte aufmerksam machen, die sich im Themenbereich der deutschen Digitalgeschichte bewegen, aber nicht notwendiger Weise von uns sind. Den Auftakt macht das Dissertationsprojekt «Counting on Computers: New Information Technologies and Curricular Change in East Germany, 1980-1995» von Carmen Flury von der Pädagogischen Hochschule Zürich.

Auf Twitter schreibt sie:

In meinem Dissertationsprojekt untersuche ich, wie in den 1980er-Jahren auf Seite des Bildungswesens in der #DDR auf die Herausforderung neuer Computertechnologie reagiert wurde & neue Lehrplaninhalte eingeführt wurden: Welche Zukunftsvorstellungen über Bedeutung & Funktion von Computern in der sozialistischen Gesellschaft begleiteten die curriculare Reformen? Inwiefern behaupteten sich die Ideen gg. technische Zwänge, Mangelwirtschaft & internat. Wettbewerbsdruck? In den 1980ern hielten Computer zunehmend Einzug in Betriebe & Privathaushalte. Im #Systemwettstreit zwischen Sozialismus & Kapitalismus galt Computertechnologie in der DDR als entscheidendes Mittel, um bzgl. Wirtschaftskraft & Produktivität zum Westen aufzuschließen. Es entstand ein großer Bedarf nach entsprechenden Bildungsangeboten, um die Menschen für die Arbeit mit Computertechnik zu qualifizieren. Als erste Reaktion auf die neuen technischen Möglichkeiten wurde in der DDR 1985 der Taschenrechner ab Kl. 7 eingeführt, was v.a. für den #Matheunterricht einschneidende Veränderungen bedeutete. Für manche Pädagog_innen war damit der Einführung von Computertechnologie ins Bildungswesen Genüge getan. Die SED-Parteileitung hatte aber größere Pläne & sah ab 1986 neue Lehrpläne ab Kl. 9 für eine Computergrundbildung vor. Die Schüler_innen sollten algorithmisches Denken & Problemlösen sowie das Programmieren in #BASIC erlernen & ein elementares Verständnis für die Funktionen & Handhabung von Computern entwickeln. Auch im außerschulischen Bereich spielte #Computerbildung eine Rolle. Als Ergänzung zum schulischen Computerunterricht, & wo es noch keine #Schulcomputer gab, ermöglichten Freizeitzentren, Computer-AGs & -Klubs, an Mikrorechnern zu tüfteln, zu programmieren & zu spielen. Magazine wie #Kleinstrechner-TIPS & #Funkamateur, aber auch populärwissenschaftliche Jugendzeitschriften befassten sich zunehmend mit Computertechnik & boten Plattformen für den Austausch von Computerwissen, Programmen & Bauanleitungen. Eine große Schwierigkeit bestand darin, Schulen rasch & mit einer ausreichenden Zahl an geeigneten Computern auszustatten. Zu diesem Zweck wurde eigens der #Bildungscomputer #A5105 entwickelt, der den Kriterien & Ansprüchen der Pädagog_innen entsprechen sollte. Technischer Stand & knappe finanzielle Ressourcen verlangten aber nach Kompromissen: Von 7/1989 bis 4/1990 wurden ca. 5000 Stück produziert, wovon 3000 in Bildungseinrichtungen installiert wurden. Restbestände wurden angesichts der erwarteten #Wiedervereinigung mit Mühe als Konsumgut vertrieben.

Quelle: https://twitter.com/histedger/status/1368873617556180993?s=12

Bild: Bildungscomputer A5105, https://hc-ddr.hucki.net/wiki/lib/exe/detail.php/homecomputer/bic_03.jpg?id=homecomputer%3Abic

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Die Geschichte des Potsdamer Rechenzentrums: Sozialistische Computernutzung und die Digitalisierung in Ostdeutschland https://www.computerisierung.com/?p=1228 https://www.computerisierung.com/?p=1228#respond Fri, 26 Jun 2020 16:35:54 +0000 http://www.computerisierung.com/?p=1228 Auf welcher Nutzungsidee basierte der Bau des einst „Datenverarbeitungszentrums“ genannten Baus? Welche technologischen und gesellschaftlichen Konzpete lagen diesem zu Grunde? Martin Schmitt wirft in seinem Beitrag einen technikhistorischen Blick auf den politisierten Ort: „Die Geschichte des Potsdamer Rechenzentrums: Sozialistische Computernutzung und die Digitalisierung in Ostdeutschland“ auf lernort-garnisonkirche.de/?p=456

 

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Digitalgeschichte trifft Kunst https://www.computerisierung.com/?p=1222 https://www.computerisierung.com/?p=1222#comments Tue, 16 Jun 2020 17:10:43 +0000 http://www.computerisierung.com/?p=1222 Wie kann ein Dialog von Digitalgeschichte und Kunst aussehen? In ihrem interdisziplinären Gespräch gingen der Potsdamer Künstler Rudi Fischer und Martin Schmitt von der TU-Darmstadt / ZZF Potsdam grundlegenden Themen des Digitalen Zeitalters aus unterschiedlichen Perspektiven auf den Grund. Sie sprachen am historischen Ort des ehemaligen Datenverarbeitungszentrums Potsdam über die Diskurse der Digitalisierung, von der Ersetzung des Menschen, über die Überwachung und die Arbeit im Finanzmarktkapitalismus bis hin zu Filterblasen und Informationsströmen. Anlass des Gespräches war die aktuellen Ausstellung „Zeichen der Zeit“ im Kunst- und Kreativhaus Rechenzentrum, Potsdam. Im Gespräch entstanden neue Blickwinkel und überraschende Erkenntnisse, beispielsweise zur materiellen Standardisierung des Digitalen.

Text: Martin Schmitt
Video: Rudi Fischer, Container Art Care

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Programmieren mit dem Klassenfeind https://www.computerisierung.com/?p=1097 https://www.computerisierung.com/?p=1097#respond Wed, 13 Feb 2019 21:12:43 +0000 http://www.computerisierung.com/?p=1097 Computertechnologie durchdrang den Eisernen Vorhang schon in den 1960er-Jahren. Sowohl das Ministerium für Staatssicherheit, als auch das Finanzwesen der DDR nutzten westliche Hard- und Software. Ein Teil ihrer Entwicklungen wirkte auch in den Westen zurück. Die Journalistin Isabel Fannrich Lautenschläger vom Deutschlandfunk Kultur interviewte unsere Projektmitarbeiter Rüdiger Bergien und Martin Schmitt zum Technologietransfer mit der DDR in Staatssicherheit und Kreditwirtschaft im Kalten Krieg. Digitalgeschichte im Radio!

Rüdiger Bergien erläutert im Interview die Gründe für den Technologietransfer

Der Deal zwischen dem Ministerium für Staatssicherheit und der Firma Siemens bestand eben darin, dass die Stasi einen Bedarf nach moderner EDV hatte. Späte 60er-Jahre, alle Sicherheitsbehörden in Ost und West guckten auf diese neue Technik, die große Möglichkeiten versprach. Siemens auf der anderen Seite blickte auf den sich eröffnenden Ostmarkt.

Auch die Kreditwirtschaft der DDR griff in den 1960er-Jahren auf die Mittel des Technologietransfers aus dem Westen zurück und kooperierte mit Univac. Der Digitalhistoriker Martin Schmitt analysiert:

„Die Idee war folgende: Die Staatsbank der DDR und das Ministerium der Finanzen haben versucht, ihren Zahlungsverkehr zu digitalisieren, das Steuersystem zu digitalisieren und dort EDV einzusetzen. Und dafür haben sie Software geschrieben, aber diese Programme konnten nirgendwo getestet werden.“

Mehr Informationen im Interview.

Programmieren mit dem Klassenfeind: Wie Siemens die Stasi unterstützte. Von Isabel Fannrich Lautenschläger. Deutschlandfunk Kultur Zeitfragen vom 13.2.2019 https://www.deutschlandfunkkultur.de/programmieren-mit-dem-klassenfeind-wie-siemens-die-stasi.976.de.html?dram:article_id=440980

Text: Martin Schmitt
Bild: DDR-Programmierer am US-Rechner. Der Univac UCT II im Datenverarbeitungszentrum Berlin (DVZ), 1966. Quelle: Deutsche Finanzwirtschaft 1966, Heft 6, S. 31.

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Thomas Kasper verteidigt erfolgreich Dissertation https://www.computerisierung.com/?p=1065 https://www.computerisierung.com/?p=1065#respond Mon, 17 Dec 2018 15:19:51 +0000 http://www.computerisierung.com/?p=1065 Thomas Kasper, Mitglied unserer Gruppe zur Geschichte der Computerisierung in Deutschland, verteidigte heute erfolgreich seine Doktorarbeit an der Universität Potsdam. Bereits mit seiner Arbeit zur staatlichen Computerisierung am Beispiel der Rentenversicherungen in Bundesrepublik und DDR wusste er die drei Gutachter Prof. Frank Bösch, Prof. Winfried Süß (beide Potsdam) und Larry Fromann (New York) zu überzeugen. Seine mündliche Verteidigung bestätigte die Prüfer in ihrem Urteil, Magna cum laude zu vergeben.

In seinem Verteidigungsvortrag hob Thomas Kasper nochmals den großen Einfluss von Computertechnologie auf die Reform der Rentenversicherung in der Bundesrepublik seit den 1950er-Jahren hervor. Die Möglichkeiten des Computers bestimmten die Rentenformel, so Kasper. Anfangs stand das Nutzungsparadigma der Rationalisierung dort im Vordergrund, während dies in den 1970er-Jahren von Bemühungen um Transparenz und Bürgernähe abgelöst wurden. Dies kontrastierte er mit den Entwicklungen der DDR, wo es seiner Meinung nach das Rationalisierungsparadigma im Rentenwesen bis zur Wiedervereinigung bestand hatte.

Text und Bild: Martin Schmitt

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Computerspiele(n) in der DDR https://www.computerisierung.com/?p=1057 https://www.computerisierung.com/?p=1057#respond Wed, 12 Dec 2018 09:29:35 +0000 http://www.computerisierung.com/?p=1057 Ob selbstgeschriebene Videospiele, begehrte Westtechnik oder Computer-Sommercamps; die 1980er-Jahre standen auch in der Deutschen Demokratischen Republik ganz im Zeichen der Unterhaltungselektronik und Computerisierung. Mit der Produktion, Nutzung und Förderung von Computertechnologie in der DDR hat sich der Journalist Denis Gießler in den letzten Monaten mehrmals befasst.

In bisher drei Artikeln (zum Beitrag zur Staatssicherheit und Computerspielen findet sich auch eine englische Übersetzung) bei ZEIT-Online begibt Denis Gießler sich auf die Spuren der Computerszenen des sozialistischen deutschen Staats. Denis Gießler zeigt hier einerseits die Überwachung durch die Staatssicherheit wie andererseits die starke Förderung junger Computernutzer in den 1980er-Jahren auf. Ebenso verdeutlicht er die eigensinnige Herangehensweisen der Computerfans. Hierfür hat der Journalist zahlreiche Akten in den Beständen des Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen (BStU) ausgewertet und lässt darüber hinaus Zeitzeugen von ihren Erfahrungen berichten. Zahlreiche Bilder, Videos und Animationen visualisieren die Computer und ihre Programme außerdem. Bei dem einen oder anderen werden sicherlich Erinnerung an die 1980er-Jahre wach werden.

Auch in der Zeitschrift Gamestar und dem zugehörigen Podcast erzählt Denis Gießler von einem bisher wenig erforschtem Feld. Für Interessierte der Geschichte der Computernutzung sowie der Technik- und Kulturgeschichte der DDR ein spannender Einblick.

Bild: Der Leiter des Computerclubs im Haus der Jungen Talente Stefan Seeboldt, 1986, Quelle: privat von Stefan Paubel (vormals Seeboldt).

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Feature: „Neuland: Die Entwicklung des 1-Megabit-Chips in der DDR“ https://www.computerisierung.com/?p=1023 https://www.computerisierung.com/?p=1023#respond Wed, 28 Nov 2018 14:21:40 +0000 http://www.computerisierung.com/?p=1023 Die Entwicklung des 1-Megabit-Chips in der DDR in den Jahren 1986-88 war ein Prestigeprojekt der DDR sondergleichen. Honecker wollte damit die Leistungsfähigkeit des sozialistischen Staates in der Hochtechnologie unter Beweis stellen. Eine Feature-Serie des Deutschlandfunk Kultur verknüpft dessen Entwicklung mit der Zeitgeschichte der Spätphase der DDR. In 6 Folgen beleuchtet Dörte Fiedler mit szenischen O-Tönen und einer fesselnden Story das oft vergessene Jahr 1988 und die Hintergründe der Entwicklung der Mikroelektronik-Entwicklung in der DDR.

Oder in den Worten der Ankündigung des Deutschlandfunks Kultur: „Von Halbleitern und Heimat: Die sechsteilige Serie erzählt vor dem Hintergrund der Geschichte der ostdeutschen Mikroelektronik-Industrie ein Stück deutsch-deutscher Vergangenheit. Im Zusammenspiel vieler kleiner Geschichten und Beobachtungen ergibt sich ein Panorama der DDR kurz vor und nach der Wende.“
Das Titelbild des Features unterstreicht dabei die staatstragende Dimension der Digitalisierung in der DDR. Zu sehen ist rechts die Übergabe des 1-Megabit-Chips an Erich Honecker. Links im Bild Arbeiter des Uranbergbaus, die nach der Schließung der Grube für die Arbeit in der Mikroelektronik-Industrie vorgesehen waren.
Text: Martin Schmitt
Bild: „Uranbergbaubetrieb Willi Agatz, Dresden / Übergabe des 1 Megabit Chips an DDR-Staatschef Erich Honecker 1988 (Fuciker (Jürgen Obiegli) / Bundesarchiv Koblenz/Franke / Collage: Bens)“
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Programm: Histories of Computing in Eastern Europe, Posen 2018 https://www.computerisierung.com/?p=999 https://www.computerisierung.com/?p=999#respond Sat, 15 Sep 2018 16:54:58 +0000 http://www.computerisierung.com/?p=999 Seit heute ist das überarbeitete Programm für die Konferenz „Histories of Computing in Eastern Europe“ der  Working Group 9.7 auf dem IFIP World Congress 2018 an der Poznan University of Technology draußen: Programm HCEE 2018. Unter anderem wird unser Projektmitarbeiter Martin Schmitt einen Vortrag zum „Second life of a US army computer: The import of western information technology in GDR’s financial sector in 1965“ halten. Welche Rolle spielte Technologietransfer im Kalten Krieg für die frühe Digitalisierung? Weiterhin gibt es am Freitag die Poznan Bombe Roadshow (aka “Enigma Live”), auf der eine verschlüsselte Enigma Nachricht nach England übertragen, dort entschlüsselt und wieder zurückübertragen wird. Das Ganze wird live per Webstream übertragen.

Auszug aus dem Programm:

Panel 4: 09:30-11:00 (Hall 023 BT):
• Miroslaw Sikora, “Cooperating with Moscow, Stealing in California: PPR’s Legal and Illicit Acquisition of Know-How in the Area of Microelectronics in 1960-1990.”
• Martin Schmitt, “In Fear of Convergence? The Import of Western Computer Technology in the GDR; or, Following the Traces of a Machine through the Iron Curtain: The Computer Import of GDR’s State Bank in the 1960s.”
• Christopher Leslie, “CoCom, Comecon, Chincom, and Dot-Com: Technological Determinism in Economic Blockades, 1949-1994”

 

Text: Martin Schmitt

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Zu Besuch bei Robotron: Exkursion zur Technischen Sammlung Dresden https://www.computerisierung.com/?p=906 https://www.computerisierung.com/?p=906#respond Sun, 29 Jul 2018 10:48:05 +0000 http://www.computerisierung.com/?p=906 Dresden war einst die Hauptstadt der DDR-Mikroelektronik. Das Kombinat Robotron, ein ostdeutsches Pendant zu Siemens, hatte in der Stadt seinen Stammsitz. Seine Mitarbeiter entwickelten und produzierten die Basis der Computerisierung Ostdeutschlands. Ein Gruppe unseres Forschungsprojektes besuchte diesen Samstag die Technische Sammlung Dresden, wo zahlreiche Exponate aus der Zeit Robotrons ausgestellt werden.

Die stadtgeschichtliche Bedeutung der Mikroelektronik in Dresden springt einen an, noch bevor man die eigentliche Sammlung betritt. Unweigerlich kreuzt der Besucher das ehemalige Robotron-Gelände gegenüber des Rathauses. Hier residierte einst die EDV in der Stadtmitte. In der Technischen Sammlung angekommen begrüßte uns Thomas Falk, Vorsitzender des Fördervereins der seit 1992 im ehemaligen VEB Pentacon angesiedelten Museums. Bereits im Vorraum der Sammlung befindet sich eine kleine Sonderausstellung zu Dresden als Standort der Halbleiter- und Mikrochipproduktion bis heute. Es ist ein wenig wie seinerzeit in der Strategie IBMs: Der Primat des Prozessors steht an vorderster Stelle. Neben den kleinen Chips, die in den Vitrinen wie kostbare Juwelen präsentiert werden, erfährt der Besucher aus zeitgenössischen Dokumentation mehr über den komplexen Prozess der Mikrochipherstellung. Neben dem 1 MB Chip der DDR prangt stolz ein Quellendokument Siemens, das angesichts der Verschlossenheit des Münchner Konzerns aus dem Robotron-Bestand stammen muss: Der Chip erfülle die hohen Qualitätskriterien Siemens und löse bei seinen Mitarbeitern großes Interesse aus, berichtete der Leiter des Siemens Testlabors im April 1990 wohlwollend. Nur würde der Chip sehr einem Toshiba-Fabrikat ähneln, was nun weiter überprüft wurde. Dabei ist diese oft belächelte Fall der Industriespionage gar nicht der zentrale Punkt. Vielmehr gelang es den DDR-Technikern, das hochkomplexe Verfahren zu meistern, die Chips überhaupt in einer ausreichenden Qualität industriell zu fertigen. Dabei bedurfte es nicht nur hunderten Schritte feinster Präzision, sondern auch eines aufwendigen Equipments, gut ausgebildeten Leuten, einem langen Vorlauf, den Rohstoffen und dem Fertigungswissen, um aus einer Kopie einen Chip zu machen. Das Gefühl zieht sich wie ein roter Faden durch die Ausstellung: Welch ein großindustrieller Aufwand es für ein kleines Land wie die DDR gewesen sein muss, abseits des Weltmarktes sein eigenes Digitales Zeitalter aus dem Boden zu stampfen.

 

Das beginnt schon bei dem ersten Exponat der Sammlung, dem Zeiss Rechenautomaten 1 (ZRA 1). Es ist nicht die biedere Fertigungsform des noch „Automaten“ genannten Computers, der platziert auf einem Holzschreibtisch eher wie eine zu groß geratene Büromaschine wirkt. Es ist vielmehr das Begleitvideo aus dem Herstellungsprozess der Maschine, das einem den Aufbruch in das Digitale Zeitalter mit seiner ganzen Dynamik vor Augen führt. Flinke Frauenhänden löteten Schaltungen zusammen, geniale Männerköpfe ersannen die Software, welche die Maschinen erst nützlich machten. Das auf den ersten Blick klischeehafte Geschlechterverhältnis löst sich auf in dem Stolz in den Augen der Frauen, die ihre Gesundheit ruinieren mochten, aber an der Zukunft arbeiteten: „diese Frauen waren Friseurinnen, Hausfrauen, Schneiderinnen, ehe sie ihren neuen Beruf im Zeiss-Rechenautomatenbau in Saalfeld erlernten – einem neuen Industriezweig“. Damit unterschied sich der sozialpolitische Anspruch in der DDR nicht von dem in Westdeutschland, wo sich bei der Zuse KG dieselben Sätze finden lassen. Überragt wird das sorgsame angeordnete technische Ensemble von dem Endpunkt der Sammlung, der zur hochaktuellen Frage des Energieverbrauchs des Digitalen Zeitalters überleitet: Das Netzteil der ZRA 1 ist größer als mancher Großrechner in der Folgezeit. Es ist ein Produkt europäischer Industriekultur. Digitalisierung war nicht das Gegenteil der Industrialisierung. Digitalisierung beruhte maßgeblich Industrialisierung. So trug der ZRA 1 als Passagepunkt zur Digitalisierung noch einen Kippschalter, mit dem sich notfalls noch von „Maschine“ auf „Hand“ umstellen ließ.

  • Der ZRA 1 als Industriekultur

Die Technische Sammlung Dresden, die schon seit 1966 besteht, verfolgt dabei naturgemäß ein anderes Konzept, wie es beispielsweise Hands-on Museen in Paderborn oder Sammlungen wie in Halle hochhalten. Der Dresdner Schwerpunkt liegt auf dem Erhalten und Bewahren des Artefaktes im Zustand nach dem Ende seiner Nutzung – nicht auf einer Nutzung durch den Besucher, nicht auf einer funktionalen Performanz. Dementsprechend distanzieren sich die Rechner vom Besucher, sprechen in einer anderen Sprache zu ihm, in der des Objektes. Die Sammlung läuft in der Sprache des ZRA 1 noch im Modus „Maschine“, nicht im Modus „Hand“. Vor allem die räumliche Weitläufigkeit beeindruckt, die der wunderschöne Industriebau ermöglicht. Die Sammlung wirkt nicht so überfrachtet, sondern erlaubt dem Besucher eine Konzentration.

Dabei spielen die Kuratoren, unter Ihnen Dr. Ralf Pulla, mit dem Raum. Nach Lehrrechnern des DDR-Informatikpioniers Nikolaus Lehmanns und einem vergleichenden Blick in die Bundesrepublik mit dem User Rechner Z22 stellt sich der PLR 1 wie eine Wand vor den Besucher. Mit seinen hunderten Röhren in wuchtigen Eisenschränken versperrte er nicht nur in der Sammlung den Weg zu den nachfolgenden Robotron-Computern. Der nur als Prototyp gebaute Lochkarten-Rechner band auch so manche Ressource. Dahinter eröffnet sich das Ensemble, das als das Herzstück der Ausstellung gelten kann: Die Elektronische Datenverarbeitungsanlage Robotron 300. Dieser insgesamt über dreihundert Mal hergestellte Computer mittlerer Leistungsfähigkeit galt als der ganze Stolz der DDR. Er kam vor allem in Wirtschaftsbetrieben zum Einsatz, aber auch bei der Staatlichen Verwaltung oder dem Militär. Die in Dresden gezeigte Anlage inklusive der grauen Schränke mit Stromversorgung, Speicher, Magnetbandeinheiten, Drucker und Lochkarten-Lese-und-Stanzeinheit stammt aus den VEB Rafena-Werken Radeberg von 1967. Die Technische Sammlung Dresden zeigt ihn in einem begehbaren Ensemble, der dem Besucher eine Vorstellung seiner räumlichen Anordnung in einem Betrieb gibt. So wird Digitalgeschichte erfahrbar.

Von seiner Nutzung zeugen die abgeriebenen Tasten und rostigen Ecken auf der vormals glänzenden Paneele. Der Notabschaltknopf prangte markant rot in der Mitte. Scheinbar traute die Datenverarbeiter der Verlässlichkeit der teuren Technik doch noch nicht ganz über den Weg. Die Schränke sind gefüllt mit gelöteten Transistoren auf Steckkarten, die sich aneinanderreihen. Ein Robotron 300 computerisierte nicht nur die Wirtschaft. Er war auch ihr Produkt, ein Produkt hochtechnologischer Industriefertigung. Stolz prangt der Schriftzug „Made in DDR“ in schönstem Denglisch, selbst wenn seinerzeit noch die Inspiration und viele Teile aus dem Westen importiert werden mussten. Positiv gewendet nutzten die Techniker die Bedingungen einer sich langsam europäisierenden und globalisiernden Wirtschaft, um deren Produkten einen eigenen Touch zu geben.

Diesen eigenen Stil trägt auch das Zeiss Magnetband Gerät ZMB 30, ein herausragendes Exemplar des hochwertigen Industriedesigns der DDR. Die Magnetbänder waren die Voraussetzung für den Computereinsatz in der Wirtschaft, ließen sich auf ihnen doch große Datenmengen speichern, schnell schreiben und lesen und sie waren sogar mobil! Manch westliches Magnetbandgerät sah allerdings vielmehr wie die Mischung aus Blitzer und Verteilerkasten. Dagegen hebt sich das ZMB30 deutlich ab. Wie ein gespannter Bogen sieht sie aus, dazu bereit, das Industriezeitalter in die Digitale Moderne zu schießen – ohne dass ihr ein archaisches, kraftvolles Moment abgeht. Wie bei einem Bogen muss der Bediener das Magnetband um eine Reihe von Spulen fädeln, mit denen sich die großen Beschleunigungs- und Bremskräfte regulieren und sich das Band stets gespannt halten ließ. Diese Geräte waren es, welche die DDR digital machten. Nur mit ihnen konnte Zugriff genommen werden auf die großen Datenschätze der Organisationen, Betriebe und der Wissenschaft.

  • ZMB 30

In der Folge setzt sich die Sammlung chronologisch fort: Neben ESER-Rechnern und Kleincomputern stellen die Dresdner auch zahlreiche Analogrechner aus. Sie wurden in den Industriebetrieben eingesetzt, um durch elektronische Schaltungen das verhalten physischer Systeme durch Differenzialgleichungen zu simulieren. Eine Überraschung erwartete uns, als wir zum D4a Nikolaus Lehmanns zurückkehrten. Dort drehte eine Filmemacherin gerade einen Trickfilm zu Computergeschichte der DDR. Als Artist in Residence erschließt sich Katrin Rothe die Geschichte der DDR-Rechentechnik aus künstlerischer Perspektive. Wir sind gespannt. Zurück nach Berlin ging es schließlich vorbei an den ehemaligen Gebäuden von Robotron in der Dresdner Innenstadt. Noch stehen die Hälfte der Gebäude, die andere Hälfte sind bereits abgerissen. Groß prangt in blauen Lettern „M + M Computer“ über dem Gebäude. Am seitlichen Flügel findet sich sogar noch ein Schild, auf dem der Name Robotron prangt. Inmitten sozialistischer Moderne, die unterstützt von Pflasterkunst und Wasserspiel den Aufbruch ins Morgen symbolisierte, finden sich heute eine Skaterbahn und ein Hostel. Langfristig sollen die Gebäude Wohnhäusern weichen. Auch die Stadtverwaltung, passender Weise das „Amt für Stadtgrün und Abfallwirtschaft“, möchte die Gebäude nicht länger nutzen. Schade eigentlich, gelang es der Stadt Dresden mit der Renovierung des Kulturpalast in direkter Nähe zur Frauenkirche doch deutlich besser als Potsdam, mit seinem sozialistischen Erbe umzugehen. Die Parallelen in der Fassadengestaltung von Potsdamer Rechenzentrum um dem Stammsitz von Robotron sind dabei unverkennbar. Das Digitale Zeitalter erbte die Standardisierung der Industrialisierung auch im Bauen.

  • Das ehemalige Robotron-Gelände

Text: Martin Schmitt

Fotos: Martin Schmitt, Janine Funke, CC 3.0

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