Computerisierung – .computerisierung https://www.computerisierung.com Wed, 10 Mar 2021 17:23:29 +0000 de hourly 1 https://wordpress.org/?v=7.0 Neu erschienen: „Avantgarde der Computernutzung“ https://www.computerisierung.com/?p=1265 https://www.computerisierung.com/?p=1265#respond Wed, 10 Mar 2021 17:23:27 +0000 http://www.computerisierung.com/?p=1265 Cover des Buchs "Avantgarde der Computernutzung"

Hackerkulturen der Bundesrepublik und der DDR. Vor wenigen Tagen erschien die Publikation unserer Projektmitarbeiterin Julia Erdogan. Seit den späten 1970er-Jahren entwickelten sich Hacker und Haecksen zu eigensinnigen Computer-Nutzer*innen mit einschlägigem Wissen. Sie eigneten sich das Medium spielerisch an, schufen Kontakträume und brachten sich aktiv in den Prozess der Computerisierung ein. Julia Erdogan skizziert in ihrem neuen Buch, wie die teils subversiven Praktiken Machtgefüge in beiden deutschen Staaten herausforderten.

Aus dem Klappentext:

Die schillernden Vorreiter des Informationszeitalters: Hacker im Spiegel der deutsch-deutschen Zeit- und Technikgeschichte.

Hacker und Haecksen zählen zur Avantgarde der Computerisierung. Seit den späten 1970er-Jahren bildeten sie sich in der Bundesrepublik und in der DDR zu eigensinnigen ComputernutzerInnen mit einschlägigem Wissen heraus. Sie eigneten sich das Medium spielerisch an, schufen Kontakträume und brachten sich so aktiv in den Prozess der Computerisierung ein. Durch ihre Grenzüberschreitungen zeigten sie dabei Chancen und Risiken der Digitalisierung auf.
Julia Gül Erdogan geht der Entstehung der Hackerkulturen in Ost- und Westdeutschland nach. Sie analysiert, wie deren teils subversive Praktiken Machtgefüge in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft herausforderten. Zugleich verdeutlicht die Arbeit Gemeinsamkeiten und Unterschiede der frühen sub- und gegenkulturellen Computernutzung in den beiden deutschen Teilstaaten.

Das Promotionsprojekt entstand am ZZF in der Forschungsgruppe »Aufbrüche in die digitale Gesellschaft. Computerisierung und soziale Ordnungen in der Bundesrepublik und der DDR«. Die Buchveröffentlichung ist zugleich die Promotionsschrift Julia Erdogans. Wir gratulieren herzlich zur Publikation!

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Geschichte der Digitalisierung in Afrika – die Anfänge https://www.computerisierung.com/?p=1215 https://www.computerisierung.com/?p=1215#respond Thu, 21 May 2020 12:58:54 +0000 http://www.computerisierung.com/?p=1215 Ein Großteil der Studien in der Digitalgeschichte widmen sich den Industriestaaten. Bereits zu den ehemaligen sozialistischen Staaten gibt es deutlich weniger Forschung. Staaten des globalen Südens fallen dabei mit einigen bekannten Ausnahmen unter das Radar. Die Unterrepräsentation solcher Staaten unterstützt das Bild von Afrika oder Lateinamerika als rückständig. In einem Blogbeitrag gibt nun ein ehemaliger Mitarbeiter der britischen ICT Einblicke in den faszinierenden Beginn der Digitalisierung auf dem afrikanischen Kontinent.

Die ersten Computer in Afrika finden sich im nördlichen Teil des Kontinents, genauer in Marokko und Algerien. Dort schafften in den späten 1950er-Jahren Forschungsinstitute IBM-Computer an. Besonders faszinierend ist aber die Digitalgeschichte Kenias, wie der ehemalige ICT-Mitarbeiter Jitze Couperus in seinem Blog berichtet. Couperus arbeitete als Techniker für die britische International Computers and Tabulators (ICT), als dort 1960 die ersten Computer an die staatliche Bahngesellschaft geliefert wurden. Es handelte sich dabei um HEC 1200, ein Röhrenrechner mit Trommelspeicher, der für die Lohnabrechnung und andere Verwaltungsaufgaben eingesetzt wurde. Die praktischen Probleme, die sich beim Computereinsatz im deutlich raueren afrikanischen Klima ergaben, geben einen guten Einblick in die Herausforderungen früher Digitalisierungsprojekte. Neben durchgebrannten Röhren berichtet Couperus:

A related problem was that “starting” the machine in the morning required a huge surge in electrical power. Valves (like ordinary light bulbs with filaments) require an initial surge to heat up the filament – much more than is required to sustain it once it is already “lit”. This meant that the machine could not be switched on in the morning until we got the OK from the bakery up the road confirming that they had switched off their ovens. (Couperus 2016: The First Computers in East Africa)

Von ganz ähnlichen Probleme berichteten Zeitzeugen in sozialistischen wie kapitalistischen Staaten in der Anfangszeit der Digitalisierung, beispielsweise im Rechenzentrum der Staatsbank der DDR. Zeitzeugenberichte wie der Couperus helfen dabei, einen neuen, globaleren Blick auf die Digitalgeschichte zu werfen. In Tagungen und Projekten arbeiten zahlreiche HistorikerInnen bereits daran, diese Lücke zu füllen. So haben beispielsweise Paul Edwards und Gabriele Hecht bereits 2010 über die Digitalisierung in Südafrika geschrieben. Zur Frage der Digitalisierung, Apartheid und Hacking in Südafrika hat ebenfalls die kanadische Medienwissenschaftlerin Sophie Toupin einen lesenswerten Beitrag geschrieben.

Text: Martin Schmitt
Foto: Zeitzeuge Jitze Couperus um 1965 an der ICT 1500. (Foto Jitze Couperus CC BY 2.0) via HNF.

Literaturangaben:

  • Sophie Toupin: „Hacking Apartheid. Revolutionary Communication and the South African National Liberation Movement“, in: Bory, Paolo, Gianluigi Negro und Gabriele Balbi (Hrsg.): Computer Networks Histories: Hidden Streams from the Internet Past, Zürich: Chronos 2019 (Geschichte und Informatik, Band 21 (2019)), S. 49–63.
  • Paul Edwards, Gabriele Hecht: „History and the Technopolitics of Identity: The Case of Apartheid South Africa“, in: Journal of Southern African Studies 36/3 (2010), S. 619–639.
  • Couperus, Jitze: „The First Computers in East Africa – and What Became of Them“ 2015, https://owaahh.com/the-first-computers-in-east-africa-and-what-became-of-them.
  • HNF: „Ein Computer in Kenia“ 2020, https://blog.hnf.de/ein-computer-in-kenia/.
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Die Geschichte der Künstlichen Intelligenz in der DDR: Forschungsprojekt an Bord der MS Wissenschaft https://www.computerisierung.com/?p=1115 https://www.computerisierung.com/?p=1115#respond Tue, 28 May 2019 07:24:19 +0000 http://www.computerisierung.com/?p=1115 Künstliche Intelligenz hat Geschichte. Ein Strang dieser Geschichte reicht zurück in die ehemalige DDR. Am Beispiel eines interaktiven DDR-Mikrocomputer KC85/3 mit Schachprogramm zeigen Stefan Höltgen (HU Berlin) und Martin Schmitt (ZZF Potsdam) an Bord des Ausstellungsschiffs „MS Wissenschaft“, wie das gegenwärtige Hype-Thema künstliche Intelligenz historisch eingeordnet werden kann. Das Binnenschiff MS Wissenschaft reist in den kommenden Monaten durch Deutschland: Ein Besuch lohnt sich!

Schach dem König: Besucherinnen am KC85/3
Besucherinnen spielen am KC85/3 Schach gegen eine künstliche Intelligenz, Foto: Martin Schmitt

Ein Auszug aus der Pressemitteilung des ZZF Potsdams:

„An die fünf Kilogramm Gewicht und die Maße 38x27x7 cm (Breite, Höhe, Länge) bringt der historische Computer KC85 aus der DDR der 80er Jahre mit. Mit diesem Exponat und dem Projekt „Schach dem König? Künstliche Intelligenz als historischer Alltag“ beteiligt sich das ZZF Potsdam an der diesjährigen Ausstellung zum Leitthema „Künstlichen Intelligenz“ der MS Wissenschaft. Das umgebaute Binnenfrachtschiff geht vom 16. Mai (Tourstart: Berlin) bis 3. Oktober in 27 deutschen Städten vor Anker.

[…]

Das Mitmach-Exponat […] wurde von der ZZF-Projektgruppe in Zusammenarbeit mit Dr. Stefan Höltgen vom Fachgebiet Medienwissenschaft der Humboldt-Universität zu Berlin entwickelt. Martin Schmitt promoviert zur Geschichte der Computersierung. Er erklärt: „An kaum einem Gegenstand entzündeten sich die gesellschaftlichen Kontroversen über KI offensichtlicher als am Schach. Wenn der Computer Schach spielt, kann die Maschine denken. So lautete damals die Gleichung.“ Dabei reicht die Debatte weit zurück. Schon in den 1950er-Jahren verfassten sowjetische und amerikanische Informatiker wegweisende Arbeiten über die Möglichkeiten der Schachprogrammierung. „Anfangs stieß der Computer aber an seine Grenzen“, gibt Martin Schmitt zu. „Der Mensch schlug ihn locker. Erst Ende der 1970er-Jahre wurde er zu einem ernsthaften Gegner.“

Die Ausstellung auf der MS Wissenschaft ist zentraler Bestandteil des vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) und Wissenschaft im Dialog (WiD) ausgerufenen Wissenschaftsjahr 2019 – Künstliche Intelligenz. Sie richtet sich insbesondere an Schulen, Jugendliche und Familien. Der Eintritt ist frei. Die Ausstellung ist täglich von 10–19 Uhr geöffnet.“ (Stefanie Eisenhuth)

Das gesamte Programm des Ausstellungsschiffs und seine Route können abgerufen werden unter: www.ms-wissenschaft.de Derzeit liegt das Schiff in Magdeburg, die nächsten Anlegestellen werden Braunschweig, Minden, Bremen und Oldenburg sein. Jetzt ist auch offiziell, dass das Schiff bis nach Österreich reist, bis nach Linz, der Heimat der Ars Electronica. Martin Schmitt und Dr. Stefan Höltgen kooperierten für die Exponatserstellung im Rahmen der Fachgruppe für Computergeschichte des Gesellschaft für Informatik.

Projektmitarbeiter Martin Schmitt erläutert dem Präsidenten der Leibniz-Gemeinschaft Matthias Kleiner die Geschichte der künstlichen Intelligenz in der DDR.
Projektmitarbeiter Martin Schmitt erläutert dem Präsidenten der Leibniz-Gemeinschaft Matthias Kleiner die Geschichte der künstlichen Intelligenz in der DDR. Foto: Leibniz-Gemeinschaft

Text: Martin Schmitt, Stefanie Eisenhuth ZZF Potsdam
Fotos: Martin Schmitt, Stefanie Eisenhuth, Leibniz-Gemeinschaft

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Podcast-Beitrag zu den Hackern der Bundesrepublik und DDR https://www.computerisierung.com/?p=1108 https://www.computerisierung.com/?p=1108#respond Sat, 25 May 2019 06:47:42 +0000 http://www.computerisierung.com/?p=1108 Die digitalen Medien sind nicht nur Forschungsgegenstand, sondern dienen auch immer mehr der Wissensvermittlung. Mittlerweile sind einige sehr gute Formate entstanden, die sich mit historischen Themen befassen. Eines davon ist der Podcast „Anno…“, den Philipp Janssen betreibt. In seinem Podcast erzählen WissenschaftlerInnen von ihren Forschungsprojekten und geben so Einblick in aktuelle Themen und Debatten sowie die Arbeit der HistorikerInnen. In Folge 28 stellt Julia Erdogan ihr Dissertationsthema zu den Hackerkulturen beider Teilstaaten vor. Die Folge gibt einen kurzen Einblick in die frühe private Computernutzung und das Aufkommen von Hackern in den 1980er-Jahren.
Das etwa 80 Minuten lange Gespräch gibt es hier zu hören

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Thomas Kasper verteidigt erfolgreich Dissertation https://www.computerisierung.com/?p=1065 https://www.computerisierung.com/?p=1065#respond Mon, 17 Dec 2018 15:19:51 +0000 http://www.computerisierung.com/?p=1065 Thomas Kasper, Mitglied unserer Gruppe zur Geschichte der Computerisierung in Deutschland, verteidigte heute erfolgreich seine Doktorarbeit an der Universität Potsdam. Bereits mit seiner Arbeit zur staatlichen Computerisierung am Beispiel der Rentenversicherungen in Bundesrepublik und DDR wusste er die drei Gutachter Prof. Frank Bösch, Prof. Winfried Süß (beide Potsdam) und Larry Fromann (New York) zu überzeugen. Seine mündliche Verteidigung bestätigte die Prüfer in ihrem Urteil, Magna cum laude zu vergeben.

In seinem Verteidigungsvortrag hob Thomas Kasper nochmals den großen Einfluss von Computertechnologie auf die Reform der Rentenversicherung in der Bundesrepublik seit den 1950er-Jahren hervor. Die Möglichkeiten des Computers bestimmten die Rentenformel, so Kasper. Anfangs stand das Nutzungsparadigma der Rationalisierung dort im Vordergrund, während dies in den 1970er-Jahren von Bemühungen um Transparenz und Bürgernähe abgelöst wurden. Dies kontrastierte er mit den Entwicklungen der DDR, wo es seiner Meinung nach das Rationalisierungsparadigma im Rentenwesen bis zur Wiedervereinigung bestand hatte.

Text und Bild: Martin Schmitt

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Zu Besuch bei Robotron: Exkursion zur Technischen Sammlung Dresden https://www.computerisierung.com/?p=906 https://www.computerisierung.com/?p=906#respond Sun, 29 Jul 2018 10:48:05 +0000 http://www.computerisierung.com/?p=906 Dresden war einst die Hauptstadt der DDR-Mikroelektronik. Das Kombinat Robotron, ein ostdeutsches Pendant zu Siemens, hatte in der Stadt seinen Stammsitz. Seine Mitarbeiter entwickelten und produzierten die Basis der Computerisierung Ostdeutschlands. Ein Gruppe unseres Forschungsprojektes besuchte diesen Samstag die Technische Sammlung Dresden, wo zahlreiche Exponate aus der Zeit Robotrons ausgestellt werden.

Die stadtgeschichtliche Bedeutung der Mikroelektronik in Dresden springt einen an, noch bevor man die eigentliche Sammlung betritt. Unweigerlich kreuzt der Besucher das ehemalige Robotron-Gelände gegenüber des Rathauses. Hier residierte einst die EDV in der Stadtmitte. In der Technischen Sammlung angekommen begrüßte uns Thomas Falk, Vorsitzender des Fördervereins der seit 1992 im ehemaligen VEB Pentacon angesiedelten Museums. Bereits im Vorraum der Sammlung befindet sich eine kleine Sonderausstellung zu Dresden als Standort der Halbleiter- und Mikrochipproduktion bis heute. Es ist ein wenig wie seinerzeit in der Strategie IBMs: Der Primat des Prozessors steht an vorderster Stelle. Neben den kleinen Chips, die in den Vitrinen wie kostbare Juwelen präsentiert werden, erfährt der Besucher aus zeitgenössischen Dokumentation mehr über den komplexen Prozess der Mikrochipherstellung. Neben dem 1 MB Chip der DDR prangt stolz ein Quellendokument Siemens, das angesichts der Verschlossenheit des Münchner Konzerns aus dem Robotron-Bestand stammen muss: Der Chip erfülle die hohen Qualitätskriterien Siemens und löse bei seinen Mitarbeitern großes Interesse aus, berichtete der Leiter des Siemens Testlabors im April 1990 wohlwollend. Nur würde der Chip sehr einem Toshiba-Fabrikat ähneln, was nun weiter überprüft wurde. Dabei ist diese oft belächelte Fall der Industriespionage gar nicht der zentrale Punkt. Vielmehr gelang es den DDR-Technikern, das hochkomplexe Verfahren zu meistern, die Chips überhaupt in einer ausreichenden Qualität industriell zu fertigen. Dabei bedurfte es nicht nur hunderten Schritte feinster Präzision, sondern auch eines aufwendigen Equipments, gut ausgebildeten Leuten, einem langen Vorlauf, den Rohstoffen und dem Fertigungswissen, um aus einer Kopie einen Chip zu machen. Das Gefühl zieht sich wie ein roter Faden durch die Ausstellung: Welch ein großindustrieller Aufwand es für ein kleines Land wie die DDR gewesen sein muss, abseits des Weltmarktes sein eigenes Digitales Zeitalter aus dem Boden zu stampfen.

 

Das beginnt schon bei dem ersten Exponat der Sammlung, dem Zeiss Rechenautomaten 1 (ZRA 1). Es ist nicht die biedere Fertigungsform des noch „Automaten“ genannten Computers, der platziert auf einem Holzschreibtisch eher wie eine zu groß geratene Büromaschine wirkt. Es ist vielmehr das Begleitvideo aus dem Herstellungsprozess der Maschine, das einem den Aufbruch in das Digitale Zeitalter mit seiner ganzen Dynamik vor Augen führt. Flinke Frauenhänden löteten Schaltungen zusammen, geniale Männerköpfe ersannen die Software, welche die Maschinen erst nützlich machten. Das auf den ersten Blick klischeehafte Geschlechterverhältnis löst sich auf in dem Stolz in den Augen der Frauen, die ihre Gesundheit ruinieren mochten, aber an der Zukunft arbeiteten: „diese Frauen waren Friseurinnen, Hausfrauen, Schneiderinnen, ehe sie ihren neuen Beruf im Zeiss-Rechenautomatenbau in Saalfeld erlernten – einem neuen Industriezweig“. Damit unterschied sich der sozialpolitische Anspruch in der DDR nicht von dem in Westdeutschland, wo sich bei der Zuse KG dieselben Sätze finden lassen. Überragt wird das sorgsame angeordnete technische Ensemble von dem Endpunkt der Sammlung, der zur hochaktuellen Frage des Energieverbrauchs des Digitalen Zeitalters überleitet: Das Netzteil der ZRA 1 ist größer als mancher Großrechner in der Folgezeit. Es ist ein Produkt europäischer Industriekultur. Digitalisierung war nicht das Gegenteil der Industrialisierung. Digitalisierung beruhte maßgeblich Industrialisierung. So trug der ZRA 1 als Passagepunkt zur Digitalisierung noch einen Kippschalter, mit dem sich notfalls noch von „Maschine“ auf „Hand“ umstellen ließ.

  • Der ZRA 1 als Industriekultur

Die Technische Sammlung Dresden, die schon seit 1966 besteht, verfolgt dabei naturgemäß ein anderes Konzept, wie es beispielsweise Hands-on Museen in Paderborn oder Sammlungen wie in Halle hochhalten. Der Dresdner Schwerpunkt liegt auf dem Erhalten und Bewahren des Artefaktes im Zustand nach dem Ende seiner Nutzung – nicht auf einer Nutzung durch den Besucher, nicht auf einer funktionalen Performanz. Dementsprechend distanzieren sich die Rechner vom Besucher, sprechen in einer anderen Sprache zu ihm, in der des Objektes. Die Sammlung läuft in der Sprache des ZRA 1 noch im Modus „Maschine“, nicht im Modus „Hand“. Vor allem die räumliche Weitläufigkeit beeindruckt, die der wunderschöne Industriebau ermöglicht. Die Sammlung wirkt nicht so überfrachtet, sondern erlaubt dem Besucher eine Konzentration.

Dabei spielen die Kuratoren, unter Ihnen Dr. Ralf Pulla, mit dem Raum. Nach Lehrrechnern des DDR-Informatikpioniers Nikolaus Lehmanns und einem vergleichenden Blick in die Bundesrepublik mit dem User Rechner Z22 stellt sich der PLR 1 wie eine Wand vor den Besucher. Mit seinen hunderten Röhren in wuchtigen Eisenschränken versperrte er nicht nur in der Sammlung den Weg zu den nachfolgenden Robotron-Computern. Der nur als Prototyp gebaute Lochkarten-Rechner band auch so manche Ressource. Dahinter eröffnet sich das Ensemble, das als das Herzstück der Ausstellung gelten kann: Die Elektronische Datenverarbeitungsanlage Robotron 300. Dieser insgesamt über dreihundert Mal hergestellte Computer mittlerer Leistungsfähigkeit galt als der ganze Stolz der DDR. Er kam vor allem in Wirtschaftsbetrieben zum Einsatz, aber auch bei der Staatlichen Verwaltung oder dem Militär. Die in Dresden gezeigte Anlage inklusive der grauen Schränke mit Stromversorgung, Speicher, Magnetbandeinheiten, Drucker und Lochkarten-Lese-und-Stanzeinheit stammt aus den VEB Rafena-Werken Radeberg von 1967. Die Technische Sammlung Dresden zeigt ihn in einem begehbaren Ensemble, der dem Besucher eine Vorstellung seiner räumlichen Anordnung in einem Betrieb gibt. So wird Digitalgeschichte erfahrbar.

Von seiner Nutzung zeugen die abgeriebenen Tasten und rostigen Ecken auf der vormals glänzenden Paneele. Der Notabschaltknopf prangte markant rot in der Mitte. Scheinbar traute die Datenverarbeiter der Verlässlichkeit der teuren Technik doch noch nicht ganz über den Weg. Die Schränke sind gefüllt mit gelöteten Transistoren auf Steckkarten, die sich aneinanderreihen. Ein Robotron 300 computerisierte nicht nur die Wirtschaft. Er war auch ihr Produkt, ein Produkt hochtechnologischer Industriefertigung. Stolz prangt der Schriftzug „Made in DDR“ in schönstem Denglisch, selbst wenn seinerzeit noch die Inspiration und viele Teile aus dem Westen importiert werden mussten. Positiv gewendet nutzten die Techniker die Bedingungen einer sich langsam europäisierenden und globalisiernden Wirtschaft, um deren Produkten einen eigenen Touch zu geben.

Diesen eigenen Stil trägt auch das Zeiss Magnetband Gerät ZMB 30, ein herausragendes Exemplar des hochwertigen Industriedesigns der DDR. Die Magnetbänder waren die Voraussetzung für den Computereinsatz in der Wirtschaft, ließen sich auf ihnen doch große Datenmengen speichern, schnell schreiben und lesen und sie waren sogar mobil! Manch westliches Magnetbandgerät sah allerdings vielmehr wie die Mischung aus Blitzer und Verteilerkasten. Dagegen hebt sich das ZMB30 deutlich ab. Wie ein gespannter Bogen sieht sie aus, dazu bereit, das Industriezeitalter in die Digitale Moderne zu schießen – ohne dass ihr ein archaisches, kraftvolles Moment abgeht. Wie bei einem Bogen muss der Bediener das Magnetband um eine Reihe von Spulen fädeln, mit denen sich die großen Beschleunigungs- und Bremskräfte regulieren und sich das Band stets gespannt halten ließ. Diese Geräte waren es, welche die DDR digital machten. Nur mit ihnen konnte Zugriff genommen werden auf die großen Datenschätze der Organisationen, Betriebe und der Wissenschaft.

  • ZMB 30

In der Folge setzt sich die Sammlung chronologisch fort: Neben ESER-Rechnern und Kleincomputern stellen die Dresdner auch zahlreiche Analogrechner aus. Sie wurden in den Industriebetrieben eingesetzt, um durch elektronische Schaltungen das verhalten physischer Systeme durch Differenzialgleichungen zu simulieren. Eine Überraschung erwartete uns, als wir zum D4a Nikolaus Lehmanns zurückkehrten. Dort drehte eine Filmemacherin gerade einen Trickfilm zu Computergeschichte der DDR. Als Artist in Residence erschließt sich Katrin Rothe die Geschichte der DDR-Rechentechnik aus künstlerischer Perspektive. Wir sind gespannt. Zurück nach Berlin ging es schließlich vorbei an den ehemaligen Gebäuden von Robotron in der Dresdner Innenstadt. Noch stehen die Hälfte der Gebäude, die andere Hälfte sind bereits abgerissen. Groß prangt in blauen Lettern „M + M Computer“ über dem Gebäude. Am seitlichen Flügel findet sich sogar noch ein Schild, auf dem der Name Robotron prangt. Inmitten sozialistischer Moderne, die unterstützt von Pflasterkunst und Wasserspiel den Aufbruch ins Morgen symbolisierte, finden sich heute eine Skaterbahn und ein Hostel. Langfristig sollen die Gebäude Wohnhäusern weichen. Auch die Stadtverwaltung, passender Weise das „Amt für Stadtgrün und Abfallwirtschaft“, möchte die Gebäude nicht länger nutzen. Schade eigentlich, gelang es der Stadt Dresden mit der Renovierung des Kulturpalast in direkter Nähe zur Frauenkirche doch deutlich besser als Potsdam, mit seinem sozialistischen Erbe umzugehen. Die Parallelen in der Fassadengestaltung von Potsdamer Rechenzentrum um dem Stammsitz von Robotron sind dabei unverkennbar. Das Digitale Zeitalter erbte die Standardisierung der Industrialisierung auch im Bauen.

  • Das ehemalige Robotron-Gelände

Text: Martin Schmitt

Fotos: Martin Schmitt, Janine Funke, CC 3.0

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Sammelband des Computerisierungsprojekts am ZZF erscheint zum Historikertag https://www.computerisierung.com/?p=899 https://www.computerisierung.com/?p=899#respond Tue, 10 Jul 2018 08:44:25 +0000 http://www.computerisierung.com/?p=899
Wau Holland hackt in einer Telefonzelle; Datenverarbeiter in der Sparkasse Ludwigsburg

Von deutschen Hackern bis zur Datenverarbeitung in Unternehmen reicht das Themenspektrum des neuen Sammelbandes. 

Die ausgearbeiteten Beiträge der Abschlusstagung des SAW Projekts „Aufbrüche in die digitale Gesellschaft. Computerisierung und soziale Ordnungen in der Bundesrepublik und DDR“, (30. und 31. März 2017, Potsdam), werden nun pünktlich zum nächsten Historikertag erscheinen. Die Beiträge befassen sich mit den Veränderungen durch die Etablierung der Computer, die seit den 1950er-Jahren zu massiven gesellschaftlichen Umwälzungen führten, jedoch in der Zeitgeschichtsforschung wenig beachtet wurden. Die Geschichte der Sicherheitspolitik, des Wohlfahrtsstaats und des Kreditwesens, der sich wandelnden Arbeitswelt, der Organisationstrukturen sowie die Geschichte der Subkulturen werden durch die Einbeziehung der Computertechnologie neu analysiert. Die technischen und gesellschaftlichen Wandlungsprozesse verliefen dabei selten gradlinig, wie die Beiträge, die sich vornehmlich mit der Bundesrepublik befassen, verdeutlichen.

Frank Bösch (Hg.): Wege in die digitale Gesellschaft. Computernutzung in der Bundesrepublik 1955-1990.
Ca. 320 Seite und ca. 12 Abb., geb., Schutzumschlag
ISBN: 978-3-8353-3290-4

https://www.wallstein-verlag.de/9783835332904-wege-in-die-digitale-gesellschaft.html

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Mit offenen Karten: Computerisierung auf ARTE https://www.computerisierung.com/?p=889 https://www.computerisierung.com/?p=889#respond Thu, 19 Apr 2018 11:59:40 +0000 http://www.computerisierung.com/?p=889 99% des Internetverkehrs werden heutzutage über Unterseekabel abgewickelt. Diese Kabel haben nicht nur eine lange Vorgeschichte, die bis in die Zeit des Kalten Krieges zurückreicht. Sie haben mit der Zeit auch eine strategische Bedeutung gewonnen. Auf ARTE lief in der Sendung „Mit offenen Karten“ am 14. April 2018 eine sehenswerte Doku über die Infrastruktur des Internet. Die Autoren empfehlen am Ende das Buch unseres Projektmitarbeiters Martin Schmitt, „Internet im Kalten Krieg“. In seinem Buch verweist er auf die in der Dokumentation dargestellten langen Linien bis in die Gegenwart. Wir freuen uns sehr über die freundliche Empfehlung. Auch Nicole Starosielskis Buch „The Undersea Network“ hätte die Empfehlung verdient, eine weitere Leseempfehlung für am Thema Interessierte. Die Sendung ist noch bis zum 14. Juni in der ARTE Mediathek abrufbar.

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Abschlusstagung: „Wege in die digitale Gesellschaft. Computer und Gesellschaftswandel seit den 1950er Jahren“, 30.-31. März 2017, Potsdam https://www.computerisierung.com/?p=751 https://www.computerisierung.com/?p=751#respond Mon, 20 Feb 2017 13:01:31 +0000 http://www.computerisierung.com/?p=751 Welche Verbindung gab es zwischen digitalem und sozialem Wandel in Deutschland zwischen 1950-1990? Diese Frage stand von Beginn an im Mittelpunkt unseres von der Leibniz-Gemeinschaft geförderten Forschungsprojektes. Nach zweieinhalb Jahren Projektlaufzeit ist nun der Moment gekommen, die Ergebnisse unserer Untersuchungen mit der breiten Fachöffentlichkeit zu diskutieren. Hierzu laden wir herzlich vom 30.-31. März 2017 an das ZZF Potsdam. Das vollständige Programm:

Zeit: 30.-31. März 2017
Beginn: Donnerstag, 30. März 2017, 10.00 Uhr
Ort: Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam, Am Neuen Markt 9d, 14467 Potsdam
(Eine Anfahrtsbeschreibung finden Sie hier)

Veranstalter: Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam

Organisation: Prof. Dr. Frank Bösch

Anmeldung:
Bis 23. März 2017 unter: koettnitz@zzf-potsdam.de
(Bitte mit Nennung der akademischen Anbindung und der Arbeitsschwerpunkte)

Die Etablierung des Computers zählt zu den wichtigsten gesellschaftlichen Veränderungen der jüngeren Zeitgeschichte. Bereits seit den 1950er Jahren setzten große Unternehmen, Behörden und das Militär Computer ein. Schon die Zeitgenossen diskutierten intensiv die Folgen der Computerisierung und bewerteten sie als einen tiefgreifenden Umbruch. Dennoch hat sich die Zeitgeschichtsforschung bislang kaum mit den Folgen der digitalen Veränderungen beschäftigt.

Die Tagung fragt nach den Verbindungen zwischen dem digitalen und sozialen Wandel. Sie untersucht die Wahrnehmungen, Gebrauchsweisen und die gesellschaftlichen Folgen der Computernutzung vor dem Internetzeitalter. Klassische Themen der Zeitgeschichtsforschung, wie die Geschichte der Arbeit, des Wohlfahrtsstaats und des Bankenwesens, der polizeilichen Überwachung oder des subversiven Protests, werden so neu perspektiviert.

Einen Schwerpunkt der Tagung bildet die Frage, auf welche Weise die digitale Datenverarbeitung Kontroll- und Machtgefüge veränderte. Dabei wird neben der Bundesrepublik auch die Computernutzung in der DDR betrachtet, um spezifisch sozialistische Entwicklungen und Interaktionen mit dem Westen auszumachen.

 

Das Programm finden Sie auch als Tagungsprogramm_Computerisierung_ZZF und auf der Webseite des ZZF Potsdam, auf der auch aktuelle Änderungen bekannt gegeben werden.

Text: Martin Schmitt, ZZF Potsdam

Bild: Martin Schmitt.

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Neu erschienen: Martin Schmitt – The Code of Banking https://www.computerisierung.com/?p=720 https://www.computerisierung.com/?p=720#respond Mon, 12 Dec 2016 11:24:20 +0000 http://www.computerisierung.com/?p=720 Oftmals werden wir auf Konferenzen gefragt, ob wir denn schon etwas aus dem Computerisierungs-Projekt veröffentlicht haben, auf dass man sich beziehen könne. Neben dem 2012 erschienen Heft in den Zeithistorischen Forschungen zur Geschichte der Informationsgesellschaft verweisen wir immer auf den programmatischen Artikel von Jürgen Danyel und Annette Schuhmann im Sammelband „Geteilte Geschichte„. Diese Woche kam nun ein weiterer Artikel hinzu, in dem unser Projektmitarbeiter Martin Schmitt den Schwerpunkt seiner Arbeit angeht: Software in Banken. Der Titel des Artikels lautet: „The Code of Banking. Software as the Digitalization of German Savings Banks

In dem Artikel stellt er die These auf, dass deutsche Banken in den 1970er-Jahren zunehmend begannen, ihre Arbeitsprozesse, Abläufe, Einlagen und Organisationsmuster in Software abzubilden. Die bei der Erstellung auftretenden Herausforderungen und die Konsequenzen der Abbildung der Bank in Software stehen daher im Mittelpunkt des bei Springer erschienen Artikels. Er wurde im Rahmen der Konferenz der IFIP Working Group 9.7 im April 2016 in New York. Hier ein Auszug aus dem Abstract:

To the present day the history of banking software is nearly untold. While there is already some literature on the use of computers in the banking industry, most of it focuses only on the hardware and its restrictions (cf. Cortada 2006). The logic behind these machines remains untold. With the advent of the computer as a universal machine since the 1950s, business processes have been written into code, not hard wired into the machine. Furthermore, not the processor but the system software steered what was presented on the screen to the banking employee. Hardware got more and more exchangeable, while the real guiding principles of computing in action are to be found in software. This article analyzes how German savings banks used software to digitalize their business during the period of the Cold War.

Grafik: Terminalbefehl des Datensammelsystems der DDR; Titelbild des Bandes „International communities of invention and innovation“, © Springer 2016.

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